Reiseberichte

Meine Reise nach Kinshasa

von Dr. Elisabeth Mukuna.

Zu Beginn meiner Reise im April 2016 war ich sehr aufgeregt, aber auch gespannt. Es sollte mein erster Besuch in dem Land sein, in dem ich vor 32 Jahren zur Welt kam, der Demokratischen Republik Kongo.

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Die Demokratische Republik Kongo mit der Hauptstadt Kinshasa

Nachdem das Visum genehmigt worden und der Flug gebucht war, bereitete ich mich mit Hilfe der Vereinsmitglieder auf meine Reise vor. Sie war auf eine Woche begrenzt, sodass eine gute Vorbereitung vonnöten war. Dabei stand der Familienbesuch selbstverständlich auch auf der Agenda.

Der Flug verlief erstaunlich angenehm. Nach circa neun Stunden Flugzeit, mit Zwischenlandung in Douala (Kamerun), landete ich in Kinshasa am Flughafen Ndjili. Umgehend empfing mich ein Mitarbeiter des Flughafen-Personals. Dies wurde im Vorfeld durch meinen Vater organisiert, der aus der D.R. Kongo stammt und viele Kontakte besitzt. Ich war positiv überrascht von der Organisation und Sauberkeit des Flughafens. Zugegeben, es ist einer der saubersten Flughäfen, die ich bis dato gesehen hatte, und damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.

Währung

Kongo-Francs (CDF), die kongolesische Währung

Nachdem ich die Einreisekontrolle und meinen Impfpass kontrollieren ließ, wurde ich bereits von meiner Mutter, die schon eine Woche zuvor geflogen war, und meinem Cousin erwartet. Zum Glück gab es im Ankunftsbereich Absperrungen, denn bei der großen Menschenmenge und dem Gedränge wäre ich alleine sichtlich überfordert gewesen. Auch die Tatsache, alle paar Sekunden von Fremden angesprochen zu werden, ob mein Koffer getragen werden könne, irritierte mich.

Die Fahrt vom Flughafen Ndjili nach Gombe (so nennt sich der Stadtteil Kinshasas, in dem wir residieren sollten – auch als das Botschaftsviertel bekannt) begann abenteuerlich. Es fing an, in Strömen zu regnen. Dies hielt die vielen Menschen auf der Straße jedoch nicht von ihren alltäglichen Erledigungen ab. Ich erfuhr von meinem Cousin, dass die vielen asphaltierten Straßen ausländischen Investitionen, vor allem chinesischen, zu verdanken seien.
Staub überall. Autos und Kleinbusse, die als Sammeltaxen genutzt werden und mit Menschen buchstäblich vollgestopft sind. Und wer nicht mehr hineinpasst, steht auf dem Trittbrett und hält sich am Dach fest – oder sitzt AUF dem Dach. Unglaublich viele Menschen warten am Straßenrand auf eben diese Taxen. Dabei herrscht nachts absolute Dunkelheit auf den Straßen. Straßenlaternen gibt es keine.

Die Wewas (Bezeichung für die Rollerfahrer)

Die Wewas (Roller)

Die Strasse in der wir gewohnt haben

Die Straße in Kinshasa, in der wir gewohnt haben

Erstaunlich oft sieht man auch Roller und Motorräder. Die „Wewas“, wie man sie auf Tschiluba nennt. Meine Eltern stammen vom Stamm der Kasaï, bei dem Tschiluba gesprochen wird, eine im Südosten der D.R. Kongo (Distrikt Kasaï) verbreitete Bantusprache mit über 6 Mio. Sprechern. Die Roller haben, laut meiner Familie, erst seit zwei Jahren an Popularität gewonnen. Meine Mutter erzählte mir, dass es diese in den 90er Jahren dort noch nicht gab. Sie seien ein weiterer Effekt des chinesischen Einflusses im Land. Man sagt, die Chinesen haben die „Rollerkultur“ nach Afrika gebracht.

Am ersten Tag nach unserer Ankunft unternahm ich mit Madame S. (so nennen wir eine Bekannte vor Ort) einen Spaziergang durch das Botschaftsviertel von Kinshasa (Gombe). Madame S. ist gebürtige Slowakin und langjährige Freundin meiner Familie. Sie lebt seit 45 Jahren in der D.R. Kongo (damals Zaire).

Der Stadtteil Gombe liegt wunderschön, direkt am großen Kongo-Fluss, auf dessen gegenüberliegenden Seite wir Brazzaville, die Hauptstadt der Republik Kongo, ausmachen konnten.

Meine Wenigkeit am Fluss Congo, während unseres (von Madame S. und mir) Spaziergangs am Morgen

Meine Wenigkeit am Fluss Kongo, während meines morgendlichen Spaziergangs mit Madame S.

Während unseres Spazierganges kamen uns viele Jogger entgegen. Die meisten davon waren europäischer Herkunft. Es fühlte sich zunächst eher so an, als ob man im Urlaub irgendwo in Europa sei und nicht in Afrika. Doch die Präsenz der Soldaten und die Natur belehrten uns rasch eines Besseren.

Dann wurden wir von einem von Madame S. organisierten Fahrer mit einem Jeep abgeholt und es erfolgte eine sehr abenteuerliche Reise nach Zongo, einer Stadt in der Provinz Équateur, im Nordwesten der D.R. Kongo.

Die Fahrt dorthin stellte sich als eine Herausforderung heraus, da sich unser Fahrer verfahren hatte und wir somit mit der Wildnis und den Unebenheiten der Straßen, sofern man die Wege als Straßen bezeichnen kann, in Tuchfühlung kamen. Zwischenzeitlich flossen auch einige Tränen der Angst. Am Ziel angekommen wurden wir vom Besitzer unserer Unterkunft herzlich empfangen. Nun konnten wir, gestärkt durch die Mahlzeit (gebratene Kartoffeln, Gemüse und Fleisch), den gigantischen Wasserfall genießen. Zongo dient auch als Urlaubsort. Hier befinden sich die 60 Meter hohen Insiki-Wasserfälle. Am Nachmittag traten wir unsere Rückreise an, die ohne Komplikationen verlief, da wir nun den richtigen Weg – mit etwas besseren Straßen – eingeschlagen hatten.

Rezeption in Zongo

Die Rezeption des Nationalparks Zongo

Der Eingangsbereich im Nationalpark Zongo

Die Rezeption des Nationalparks Zongo

Ausblick nach draussen von der Rezeption aus

Ausblick von der Rezeption nach draußen

 

Der Wasserfall

Der Wasserfall von Zongo

Unser Essen, gekochte Bananen und Fisch

Unsere Mahlzeit: gekochte Bananen und Fisch

Unser Auto nach unserem Ausflug nach Zongo

Unser Wagen nach unserem Ausflug nach Zongo

 

Was nehme ich von der Reise mit?

Zunächst kann ich für mich persönlich sagen, dass ich ein Stück weit meine „andere“ Heimat kennenlernen durfte: das Land, in dem ich geboren bin und aus dem meine Eltern stammen. Diese Reise hat nun auch meine Identität mitgeprägt und zum Teil neu definiert. Beispielsweise war die Fahrt in das Krankenhaus, in dem ich zur Welt kam, sehr aufregend. Als ich vor der Tür stand und meine Mutter mir sagte „Hier bist du vor 32 Jahren zur Welt gekommen.“, war ich doch sehr gerührt. Ja, spätestens jetzt kann ich mit Stolz sagen: Ich komme aus der Demokratischen Republik Kongo und meine Wurzeln liegen dort!

Obwohl es nur sieben Tage waren, die ich in der D.R. Kongo erleben durfte, kann ich sagen, dass von den Tagen sehr viele Eindrücke und Momente bleiben werden. Ich nehme vor allem viele Bilder mit, die sich in meinem Kopf, sicherlich für eine ganze Weile festgesetzt haben. Oft saßen wir nachts mit unserer Bekannten Madame S., bei der wir in Kinshasa wohnten, im Wohnzimmer und tauschten uns über das Land und seine Geschichte aus. Madame S. konnte viele, sowohl schöne und lustige als auch traurige Geschichten über das Land und die herrschenden Umstände erzählen. Mit ihr konnten wir unsere Erlebnisse und Eindrücke teilen.

Menschen auf der Strasse in Kinshasa

Menschen auf einer Straße in Kinshasa

Ich werde diese vielen wunderschönen Frauen und Mädchen in ihren prachtvollen, farbenfrohen Kleidern nie vergessen. Die Händler mit ihren Ständen voller Waren, die überall in Kinshasa am Straßenrand stehen. Menschen, die immer ein Lächeln auf dem Gesicht haben. Man wurde stets herzlich mit „Bonjour Madame“ begrüßt. Dennoch waren wir sehr vorsichtig und immer mit dem Auto unterwegs. Denn auch uns sah man den europäischen Einfluss an. Unser Vorteil war jedoch, dass wir uns unter den Einheimischen frei bewegen konnten, da wir der Sprache mächtig sind und die Kommunikation somit gewährleistet war. Die Landessprache ist Französisch. Zudem sprechen unsere Familie und die Menschen aus unserem Umfeld die weit verbreitete Sprache Lingala sowie die Bantu-Sprache Tschiluba (Luba-Sprachgruppe).

Immer in meiner Erinnerung bleiben wird auch das junge Mädchen, welches bei meiner Oma lebt. Sie krümmte sich abends beim Essen vor Schmerzen. Auf meine Fragen berichtete sie mir, sie habe eine Entzündung des Blinddarms. Eine Operation sei zu teuer. Man müsse einige Monate warten, um Geld zu sparen. Bei einer Blinddarmentzündung! Die Gefahr eines Durchbruchs ist sehr hoch und lebensbedrohlich. Ich konnte es kaum glauben. So sprach ich mit meiner Oma und wir organisierten einen Termin für eine operative Intervention. Diese erfolgte am darauf folgenden Tag.

Nie vergessen werde ich auch den Scheiben Käse, den ich in einem Supermarkt entdeckte, in welchem Angehörige westlicher Firmen und Hilfsorganisationen sowie reiche Kongolesen einkaufen. Dieser war mit einem Preis von 6,99 US-Dollar ausgewiesen. Ich habe mich geweigert, ihn zu kaufen.

Diese Vielfalt, diese Farben, die Luft. Einfach pures Leben. Jeder Tag fühlte sich ungefiltert intensiv an.

 

Schon im Vorfeld verfasste ich einen Brief an die deutsche Botschaft in Kinshasa, in dem ich Enfants avec Espoir e.V. und die Visionen des Vereins vorstellte. Da dies meine erste Reise in die D.R. Kongo war, wollte ich mich dort zunächst informieren und unseren Verein offiziell ankündigen. Im Verlauf meiner Reise empfing mich also die Sekretärin für Entwicklungshilfe der deutschen Botschaft. Dies freute mich sehr. Das Gespräch war sehr informativ und aufschlussreich.

Eine besondere, sehr inspirierende Person und Begegnung, die ich an dieser Stelle auch erwähnen möchte, war mit Schwester Cyprienne, einer kongolesischen Ordensschwester, die in Deutschland gelebt und Pädagogik studiert hat. Sie lebt nun in Kisantu (ca. 4 Stunden Autofahrt nördlich von Kinshasa) und engagiert sich für viele Projekte, bei denen sie unter anderem für die Organisation und Planung zuständig ist. Den Kontakt erhielt ich durch den Vorsitzenden des Vereins Mission Kongo e.V., da dieser in Kinshasa bereits einige Projekte mit Hilfe von Schwester Cyprienne realisieren konnte. Die Gespräche mit ihr motivierten mich zusätzlich und bestärkten mich in meinen Zielen, die Menschen und die Kinder dort zu unterstützen.

 

Mein persönliches Fazit dieser Reise

Ein Bekannter stellte mir eine wichtige Frage: „Was ist dein persönliches Warum, dass du diesen Menschen helfen möchtest?

Zunächst gibt man die gewöhnlichen Antworten, die jeder gemeinnützige Verein formuliert: „Hilfe zur Selbsthilfe“ und so weiter… Aber mein persönliches „Warum“ ist der Motor, der mich tagtäglich motiviert – auch neben den beruflichen Anforderungen in der westlichen Welt.

Ich danke meinen Eltern und dem lieben Gott, dass ich das Privileg besitze, hier in Deutschland zu leben und einen sehr hohen Bildungsstandard genießen durfte. Mein persönlicher Wunsch und meine Vision liegen darin, bei einem „besseren“ Afrika mitzuwirken. Denn in Afrika gibt es zwar auch Armut, aber es ist vor allem facettenreich, farbenfroh und voller Leidenschaft. Die Menschen leben zwar nicht wie wir in einem geregelten Sozialstaat mit der entsprechenden materiellen Absicherung und die Kinder besitzen mit 12 Jahren kein I-Phone, dennoch strahlen sie eine solche Lebendigkeit aus, die mich immer wieder erstaunt und erfreut. Dies ist erstaunlich, wenn man beachtet, dass die Menschen sehr eingeschränkt leben müssen.

Ich wünsche mir für die Jugend, dass sie eine Chance auf eine gute Ausbildung bekommen. Auch bei mir hätte es anders kommen können, nämlich dann, wenn meine Mutter 1985 nicht nach Europa gekommen wäre. Dessen bin ich mir bewusst und aus diesem Grund bin ich dankbar und möchte mit meinem Wirken meine Dankbarkeit an das Leben und Kinder weitergeben. Kinder sind die Zukunft eines Landes!

 

P.S.: Ein neues Projekt soll in Bälde für Kinder eine Ausbildungsstätte bereitstellen, um langfristig einen Teil zur Bildung jener beizutragen. Ebenso steht auf meiner persönlichen Agenda, ein Projekt zur medizinischen Versorgung von Kindern zu realisieren.
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